Eines steht fest: Bayonetta werden wir so schnell nicht wieder los.
Das “Sarah Palin”-Double mit Kassengestell läutet nicht nur unser Spielejahr 2010 ein, sondern auch eine neue Ära in der Darstellung von Frauen und Sexualität in Spielen. Lara Croft hatte ein paar zu große Vektoren auf Brusthöhe, die große, böse Schwester Bayonetta dagegen räkelt sich in aufreizender wie eindeutiger Pose halbnackt vor uns, während im Hintergrund eine dämonische Krähe, geformt aus ihren Haaren, den Kopf eines ebenso dämonischen Wurmes ausreißt und verschlingt. Das ist anders, verstörend und klar, auch ein wenig sexy, denn ihr eng anliegender, tief ausgeschnittener Anzug besteht ausschließlich aus (magischen) Hexen-Haaren, mit denen Sie dämonische Über-Kreaturen formen kann. Ja, Haare werden zu Dämonen, richtig gelesen. Drücken wir die richtigen Knöpfe, löst sich Bayonetta Ihren Zopf auf, formt daraus mal eine Riesenkrake, eine dämonische Spinne oder einfach nur einen überdimensionalen Haar-Stiefel und zerquetscht damit eindrucksvoll ihre Feinde. Das ist alles so extrem übertrieben, dass man es mit Worten gar nicht wirklich beschreiben kann. Aber es sieht in beiden Bedeutungen des Wortes einfach nur “fantastisch” aus. Und es spielt sich zum Glück auch so.
Bayonetta reiht sich ein in die Spiele, in der wir als vermeintlich “böser” Charakter in den Kampf ziehen. Unsere Protagonistin ist eine Hexe vom Klan der Umbra. Leider leidet sie unter Amnesie und das einzige, was sie noch weiß, ist, wie man mit einer Pistole umgeht und dass es Ihre Aufgabe ist, die Welt vor aus dem Himmel herabschwebenden Engelskreaturen zu beschützen. Als dann auch noch bruchstückhafte, mysteriöse Erinnerungsfetzen einsetzen, will Bayonetta sich auf die Suche nach Antworten begeben. Wir können uns die ersten Stunden gut mit dieser Figur auf der Suche identifizieren, denn auch wir fühlen uns storytechnisch nicht abgeholt. Nach 10 Stunden und etlichen Cutscenes später wissen wir zwar, dass Kamiya und sein Team auch ohne Probleme den nächsten John Woo Film inszinieren könnten, um was es in der Hintergrundgeschichte geht, verstehen wir aber immer noch nicht so wirklich. Irgendwas von einem kosmischen Gleichgewicht und natürlich der ewige Kampf zwischen Gut und Böse. Um die Verwirrung komplett zu machen, bewegen wir uns in und durch 4 verschiedenen Dimensionen hinweg, die klanvolle Namen tragen wie: “Inferno”, “Paradiso” und “Purgatorio”. Spielerisch macht das für uns aber keinen Unterschied und frei wechseln dürfen wir zwischen Ihnen auch nicht. So aufmerksam man auch zuhören mag, man versteht es einfach nicht, was das Spiel uns versucht zu erzählen. Zumindest gibt es ein paar lustige Szenen und Dialoge, denn das Spiel nimmt sich, vor allem in den Zwischensequenzen, nicht sonderlich ernst. Aber wie sollte es auch, Bayonetta hat Pistolenläufe als Absätze!
Die sexuellen Referenzen, die sich durch das gesamte Spiel ziehen, sind, gelinde gesagt, das Gegeteil von subtil. Man hat stellenweise das Gefühl, in einem feuchten Teenagertraum zu sitzen, der sich in einer Mischung aus zuviel Fastfood nach Mitternacht und einem übertriebenem Anime-Konsum zu dem Wildwuchs entspinnt, der Bayonetta optisch geworden ist. Die Kameraführung läßt so gut wie keine Chance aus, möglichst nahe zwischen den gespreizten Oberschenkeln dieser Dame zu landen. Wirkliche Tatsachen sehen wir allerdings nie, eine Locke des schwarzen Haarschopfes weht stets galant um Bayonetta herum, so dass Nippel und Co sehr gewissenhaft vor unserem gaffenden Blick geschützt bleiben. Wäre das sonstige Spiel nicht so atemberaubend insziniert, man würde dieses pupertierende Gehabe wohl nicht all zu lange aushalten. Prüde darf man für das Spiel wahrlich nicht sein und im Endeffekt ist es reine Geschmackssache. Man sollte jedoch dringend einen kurzen Blick in das Spiel wagen, um abzuschätzen, ob man damit klar kommt. Das Spiel entschädigt uns aber auch abseits der optischen Reize mehr als ausreichend.
Zu behaupten, Bayonetta wäre ein wenig wie “Devil May Cry” wäre eine Untertreibung. Verwundert aber auch nicht, denn schließlich sind beide Titel von “Hideki Kamiya” als Direktor entwickelt worden. In beiden Spielen hangeln wir uns von abgestecktem Gebiet zu Gebiet, treffen auf Feinde und versuchen unseren Charakter durch möglichst geschicktes Knöpfchen-Drücken die wildesten Kombinationen ausführen zu lassen. Wenn wir das mit wenig Energieverlust schaffen, erhalten wir in guter Arcade-Manier dafür Medaillen und Punkte. Hüpfen, Schlagen, Treten und Schießen sind unsere vier Grundtechniken, in Kombination entfalten sich daraus tödliche Combos und Spezial-Attacken. Soweit, so bekannt.
Doch Kamiya hat schließlich versprochen, das Action-Genre mit diesem Titel auf die nächste Ebene zu heben. “Non-Stop-Climax-Action” war seine Ansage. Und er sollte sein Versprechen halten: Große Endbosse und tolle Finishing-Moves haben wir auch in anderen Spielen schon eindrucksvoll erlebt, aber Bayonetta fährt diese großen Momente gefühlt bei jedem zweiten Gegner auf. DIe meisten der Kreaturen, die uns begegnen, könnten abgelehnte Levelbosse aus anderen Spielen sein, was das Kaliber für die tatsächlichen Bosse bei Bayonetta noch mal um einiges steigert. Ähnlich wie bei “Shadow of the Collossus” befinden wir uns oft AUF den Endbossen und kämpfen uns an Ihnen empor, schlagen nacheinander mutierte Gliedmaßen mit sabbernden Gebissen ab, nachdem wir ihnen die Zungen rausgeschnitten haben, um uns schließlich zum eigentlichen Kopf der abnormalen Kreatur empor zu kämpfen, wo uns erneut die irrwitzigsten Mutationen stets aufs Neue überraschen.
Überraschung ist sowieso das Motto. Dieses Spiel gönnt uns keine Ruhepause. Durch das Setting mit vier unterschiedlichen Dimensionen und die undurchdringliche Story brauchen sich die Entwickler nicht um so Nebensächlichkeiten wie Physik, Realismus oder Bezug zu kümmern und schufen sich damit die ultimative Spielwiese um wirklich alles, was Ihnen in den Sinn kam, auch so verwirklichen zu können. Das Spiel, und das macht es auch so erfrischend, schert sich einen Dreck um Mainstream und wie ein antiautoritär erzogenes Kind macht es einfach immer genau das, wozu es am meisten Lust hat. Ein Kampf mit Motorrad auf der Tragfläche eines abstürzenden Flugzeuges? Check! Ein Schußwechsel mit Sprungeinlangen auf den abstürzenden Teilen des Big Ben Turmes? Klar! Eine Verfolgungsjagd auf einer hinter uns abbrechenden Autobahn? Kein Problem.
Die Krönung des ganzen Spektakels ist dann aber die Musikuntermalung. Zuckersüßer, boxenverklebender J-Pop tropft aus den Lautsprechern und setzt das blutige, dämonenmetzelnde, sadischte Treiben auf dem Bildschirm in einem so verschrobenen Kontext, das es ein Fest ist. Die Tastenkombinationen, die wir für unsere Kampforgien benötigen, können wir einstudieren, wenn wir möchten. In den nicht selten vorkommenden Ladebildschirmen verbringen wir viel Zeit und dankenswerter Weise finden wir dort zur Überbrückung eine steuerbare Bayonetta mit einer Liste aller Moves. Perfekt, um sich so für den eben verlorenen Kampf noch ein bis zwei kraftvolle Schläge anzusehen.
Im Eifer des Gefechts vergessen wir diese Kombinationen natürlich auch umgehend wieder, aber zumindest zu Beginn kommen wir auch mit wilden “Button-Mashing” ganz gut voran. Ein Spaziergang ist das Spiel auf dem Schwierigkeitsgrad “Normal” jedoch nicht. Die Feinde sind zahlreich und stark und so finden wir uns sehr oft und manchmal auch sehr schnell wieder zurück auf unserem Lade-Schirm mit integriertem Trainingsplatz. Warum der aktuelle Levelabschnitt nach jedem Bildschirmtot wieder so unglaublich lange laden muss, bleibt zwar ein Rätsel, aber zumindest können wir so weiter neue Tastenkombinationen nachschlagen und ausprobieren.
Sollten uns die Kombinationen nicht ausreichen, können wir diese für eingesammelte “Heiligenscheine” im In-Game-Shop nachkaufen. Ein freundlicher Verkäufer, der entfernt an Samuel Jackson erinnert, bietet uns seine Waren mit dunkler Reibeisenstimme an. So können wir neben neuen Moves auch Waffen, Kleidung und sonstigen Krimskrams käuflich erwerben. Health- und Mana-Packs sind hier Lollis, aber darüber wundert man sich dann auch schon lange nicht mehr. Apropos
Schwierigkeitsgrad: Auch wenn man den einen oder anderen Levelabschnitt neu spielen muss, das Checkpoint-System ist hervorragend gelöst und bewahrt uns vor all zu großen Frustmomenten. Besonders lobenswert erwähnt sei, das auch während der manchmal ausufernden, epischen Boss-Fights Checkpoints gesetzt sind. Danke, Herr Kamiya!
Das Spie ist durch seine einfach zu lernende Mechanik intuitiv, bietet aber auch für Hardcore-Gamer genügend Tiefe und Spielraum. Platin-Medaillen für das Erledigen von Level-Abschnitten ohne Energieverlust, freischaltbare Gegenstände und Bekleidungen, Waffen-Upgrades sowie ein “Ultra-Hard” Schwierigkeitsgrad bieten genügend Futter für mehrmaliges Durchspielen. Der zweite Durchlauf ist dann auch weniger schmerzhaft, was die Story betrifft, da man diese dann einfach komplett überspringen darf.
Fazit
Laßt euch von der oberflächlichen “Sex sells”-Masche nicht abschrecken und gebt dieser Hexe eine Chance. Das Spiel ist, abseits der unterirdisch schlecht erzählten Story, ein über alle Zweifel erhabenes Action-Feuerwerk, wie man es auf der Konsole bisher noch nicht erleben durfte. Ein ausgewogenes und grundsolides Kampfsystem, welches von Anfang an flüssig von der Hand läuft, aber auch beim erneuten Durchspielen noch Finessen auffahren kann, hält euch lange bei der Stange. Die abwechslungsreichen Stages, die unfassbar epischen Endbosse, ein Füllhorn an abgedrehten Ideen und Locations und eine große Portion Selbstironie setzen Bayonetta die Action-Krone auf. Ein “Höhepunkt” des Spielejahres 2010!















3. März 2010
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[...] vollständigen Artikel könnt ihr hier bei http://www.players-source.de lesen. Danke an Mike und Sega für das [...]