Ein Haufen Gamer sitzen ohne Konsole zusammen und stellen aus Langeweile folgende Überlegung an: Jeder darf ein Lieblings-Spielelement nennen und dann schaut man, wie das daraus resultierende Spiel aussehen würde.
“CellShading, also die Grafik sollte auf jedenfall CellShading sein, ihr wisst schon, so wie bei JetSetRadio, das war genial – so Comiclook halt.”, sagt der Erste. Der Zweite ergänzt: “Au, klar, und vom Setting her auf JEDENFALL Endzeit, also Post-Apokalypse, wie bei Fallout 3″ “World of Warcraft muss aber schon auch mit rein, also ich finde es ja sehr motivierend, die Quests sind zwar immer ähnlich, aber trotzdem macht es seit 5 Jahren Millionen von Menschen Spaß” – Aus dem Ersten platzt es raus: “Auja, aber in der First Person Shooter Ansicht mit viel Action und Ballereien!” – nach einigem Lachen fügt der Vierte, der bisher stumm war, hinzu: “Also ich spiel das nur, wenn es auch ein bisschen Rollenspiel-Elemente hat, das ist Pflicht, Diablo 2 spiel ich heute noch gerne weil man mit den unterschiedlichen Skilltrees immer wieder neue Fähigkeiten ausprobieren kann”. Der Zweite ist wieder dran und sagt: “Und als Krönung: Das ganze Paket bitte mit Koop-Modus, also 4 Player gleichzeitig, dann können wir gemeinsam Abenteuer erleben!”
Leider war der Fünfte Spieler an dem Abend krank und konnte nicht hinzufügen, dass das Spiel auch eine Story haben sollte…
Ähnlichkeiten zur tatsächlichen Geburtsstunde von Borderlands sind nicht beabsichtigt und rein zufällig, aber so ähnlich muss es sich während des Brainstormings bei Gearbox, dem Entwickler von Borderlands, wohl zugetragen haben. So wirr und bunt durcheinandergeklaut diese einzelnen Elemente auch klingen mögen, das Gesamtergebnis fügt sich zu einem erstaunlich rundem und gut abgestimmten Koop-Action-Fest zusammen.
Das Abenteuer beginnt
Nach dem sehr stimmungsvollen Comic-Intro wählen wir eine der in diesem uns vorgestellten vier Charaktere aus, die gleichzeitig als Klassen dienen: Roland der Soldat, Mordecai der Jäger, Lilith die Sirene und Brick der Berserker. Jede Klasse hat eine andere Spezial-Fähigkeit und drei Skilltrees, so dass sich das Spiel je nach Charakterwahl auch wirklich unterschiedlich spielt, bzw. spielen lässt. Die Grundmechanik des Shooters bleibt natürlich gleich, zielen müssen wir mit allen Klassen gleich gut. Ein kleiner Blechroboter, den wir sofort ins Herz schließen, führt uns erstmal rum und dienst als Tutorial, nachdem wir den Bus aus dem Intro verlassen haben und uns in der kleinen Ortschaft Fyrestone versuchen zurecht zu finden. Wie in WoW gehen wir also auf Figuren zu, die ein Fragezeichen über dem Kopf schweben haben, damit Sie uns sagen, was wir tun sollen. Neben NPCs gibt es auch Schwarze Bretter, bei denen Aufträge gepostet sind, derer wir uns annehmen können. Oder wir folgen dem roten Faden, den uns der kleine, liebenswerte Roboter hinwirft und gelangen durch die Fortführung der Storymissionen in neue Gebiete. In unserem Bordcomputer wählen wir die gewünschte Quest aus und sehen dann sehr komfortabel auf der Übersichtskarte, wo wir uns befinden und wo wir hin müssen. Leider gibt es keine Minimap, so dass wir nervigerweise immer wieder nachsehen müssen, falls wir uns orientieren müssen. Ein kleiner Ortungspfeil hilft da nur begrenzt weiter. An den Questorten angekommen, geht es dann meistens darum, eine bestimmte Anzahl von Gegenständen zu bergen oder bestimmte Gegner umzunieten. Als Belohnung winken uns dann neben Erfahrungspunkten natürlich auch Waffen oder Gegenstände. Die Erfahrungspunkte lassen uns in insgesamt 50 Level aufsteigen und verbessern unsere Energie und Angriffsstärke und wir erhalten je Level einen Punkt den wir frei auf unsere Skills verteilen können. Das schöne: Wir können jederzeit an dafür vorgesehenen Stationen unsere Skilllevel komplett umbauen und neu verteilen ohne Strafen oder Verlust zu befürchten.
Eine halbe Million Waffen
Borderlands generiert ähnlich wie Diablo 2 zufallsgenerierte Waffen. Es gibt zwar insgesamt nur 7 Waffentypen (Scharfschützengewehre, Maschinenpistolen, Maschinengewehre, Schrotflinten, Pistolen, Revolver und Raketenwerfer), laut Hersteller soll es innerhalb dieser Kategorien aber ca. 500.000 Kombinationsmöglichkeiten geben. Ja, Fünfhunderttausend! Das klingt nicht nur extrem viel, das ist es auch. Es dauert etwas, bis wir uns in die Statistiken und Zahlenwerte der Waffen eingegroovt haben, nach ein paar Stunden haben wir jedoch ein geübtes Auge und sehen auf den ersten Blick, ob die gefundene Waffe etwas taugt oder nicht. Eine Farbcodierung hilft uns zusätzlich, seltene Waffen sofort zu erkennen. Das Zufallsprinzip macht aus seltenen Waffen aber nicht unbedingt Bessere. In der Regel spielen wir pro Charakter sowieso nur mit 2 Waffenarten. Zwar können wir z.B. als Sirene auch das Scharfschützengewehr nutzen – und je mehr wir eine Waffenart nutzen, desto besser werden wir auch mit Ihr, wenn wir jedoch im Koop als Sirene mitspielen wollen, sind unsere Scharfschützendienste eher weniger gefordert und reichen nicht an die eines “echten” Jägers heran, so dass es durchaus Sinn macht, sich auf die vorgeschlagene Waffenart zu konzentrieren.
Je nach Fundort und Gegner, variieren die fallengelassenen Waffen in Ihrer Stärke und vorallem in ihren Zusatzeigenschaften wie Elementarschaden und Modifikationen. Zu den Waffentypen gesellen sich noch unterschiedliche Arten von Granate, Schutzschilde mit unterschiedlichen Gewichtungen und klassenspezifische Modifikationen, die uns Boosts auf Skills, Waffen oder Schilde geben. Unserer Optimierungswut sind also keine Grenze gesetzt. Unserer Sucht allerdings auch nicht. Es gibt immer eine noch bessere Waffe und die nächste Mission wartet bereits auf uns.
Die meiste Zeit verbringen wir zu Fuß, es gibt zur schnelleren Fortbewegung aber glücklicherweise Transportstationen, die uns von A nach B bringen, sobald wir die Stationen entdeckt haben. Für kürze Strecken nutzen wir den kostenlosen Buggy, den wir ebenfalls an Stationen bestellen können. Haben wir einen menschlichen Mitspieler, übernimmt einer das Fahren und einer die Bordkanone.
Multiplayer
Wir könnten Borderlands alleine spielen. Passt ja auch irgendwie zur Spielwelt, der einsame Söldner, der auf Schatzsuche umherirrt und Abenteuer erlebt. Fallout hat diese Stimmung perfekt eingefangen und zum Leben erweckt. Die emotionslosen NPCs, die dünne Story, die aber zu allem Übel auch noch schlecht erzählt wird, ist im Solospiel wirklich kaum zu ertragen. Eine Weile fesselt natürlich die Jagd nach besserer Ausrüstung und das finden von neuen Locations. Auch der ein oder andere Missionsboss sorgt für Abwechslung. Wie gesagt, wir könnten alleine spielen, müssen wir aber nicht. Vorallem wollen wir das nicht, wenn die Multiplayervariante so nahtlos und perfekt integriert wurde wie hier. Ein Blick auf unsere Xbox Live Freundesliste und drei Einladungen später stehen wir zu viert an der selben Stelle, an der wir als Singleplayer eben waren. Und wenn die vier Figuren nicht allzuweit in den Leveln variieren, können wir alle Quests, die wir im Koop erledigen, auch im Singleplayer als geschafft markieren. Großes Kompliment an Gearbox für diese Lösung, so sieht Online-Integration aus!
Ab der Sekunde, zu der wir zu dritt oder zu viert durch die Welten von Borderlands laufen, verwandelt sich ein gutes Spiel in ein großartiges. Das Spiel gewinnt an taktischer Tiefe. Natürlich werden die Gegner schwerer und zahlreicher. Jetzt gilt es, unsere Charakter-Fähigkeiten geschickt miteiander zu koordinieren. Der Tank geht nach vorne und beschäftigt das Fußvolk, der Sniper schaltet von hinten die dickeren Gegner aus, der Soldat stellt sein heilendes Geschützturm auf und wir nehmen dahinter als Sirene Deckung und warten darauf, in unseren unsichtbaren Phasenwalk zu wechseln um unerkannt das Questitem zu erreichen. So macht Koop Spaß! Natürlich, bzw. leider nur in einer Gruppe mit Menschen, die wir kennen. Waffen droppen nämlich nicht mehrmals, sondern einmalig. In einer Gruppe mit vernünftigen Spielern bekommt bei gesundem Menschenverstand und funktionierendem Teamgedanken derjenige das Item, der es am besten gebrauchen kann. Ein anonymes Match endet jedoch meist so, dass uns jemand ein seltenes Item, welches nur wir in der aktuellen Gruppe nutzen könnten, ungefragt vor der Nase wegschnappt, um es zu verkaufen oder für einen Zweit-Charakter zu nutzen. (Your Mileage may vary, aber nicht heulen nacher!)
Der zweite Frühling
Trotz der großen Anzahl an Waffen, kann es natürlich vorkommen, dass die Gegner stärker sind und unsere Energieanzeige schneller leeren als wir unser Magazin. Ein sehr gutes Checkpointsystem bewahrt uns vor all zu großen Frustmomenten, besonderes reizvoll ist jedoch die Möglichkeit, dass wir eine “Zweite Chance” erhalten. Während wir so am ausbluten am Boden liegen, können wir mit begrenzter und mit der Zeit schwindender Sicht noch ein paar letzte Schüsse abgeben. Schaffen wir es in dieser Zeitspanne, einem Feind ebenfalls alle Energie runterzuballern, stehen wir an Ort und Stelle mit voller Energieleiste wieder auf. Arcadig? Ja, aber sehr praktisch und motivierend, wenn wir uns dadurch ein paar Minuten Wegzeit sparen.
Fazit
Borderlands ist, das kann man nicht leugnen, gerade im Singleplayer eine repetive Angelegenheit. Mission abholen, Anzahl x an Gegenständen finden, Anzahl y an Feinden töten, das Questitem zurück zum Questgeber, Belohnung einkassieren. Das wird sich auch bis zum Ende des Spieles nicht ändern, aber dennoch spielen wir wie ein apportierter Hund dieses Spielchen Stunde für Stunde und wedeln auch nach der 100sten Quest immer noch zufrieden mit dem Schwanz und hoffen, dass uns Herrchen nochmal das Stöckchen wirft und uns ein Leckerli gibt, weil wir das so gut gemacht haben. Das Suchtprinzip, es funktioniert auch hier aber das Wichtigste: es macht einen Heidenspaß. Die Suche nach der noch besseren und seltenen Waffe ist so motivierend, dass die fehlende Story völlig in Vergessenheit gerät. Allerdings verschmerzen wir das nur lange im Multiplayer. Für reine Singleplayer gibt es deutlich bessere und spannendere Ausflüge und Abenteuer zu bestehen. Wer aber gerne mit Freunden in kooperativen Abenteuern unterwegs ist, kommt um Borderlands auf keinen Fall vorbei.



Review: Borderlands














